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Copyright: Julia Krojer.
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Annette Debusmann

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„Es ist schlimmer als der Bürgerkrieg. Denn der Feind ist unsichtbar.“

Julia Krojer und Veronika Reck arbeiten als Entwicklungshelferinnen in Sierra Leone.
Julia Krojer und Veronika Reck arbeiten als Entwicklungshelferinnen in Sierra Leone.

Veronika Reck und Julia Krojer sind Fachkräfte in Sierra Leone. Reck ist Psychologin und schult Mitarbeitende bei Don Bosco Fambul für den Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Krojer ist im Bereich Erwachsenenbildung beschäftigt. Vor wenigen Wochen mussten sie das Land aufgrund von Ebola verlassen. Im Interview mit Don Bosco Mondo sprechen sie über ihre Sorgen um Land und Leute und die Ausbreitung des Virus: Das Gesundheitssystem im Land alleine werde die Seuche nicht in den Griff bekommen und ein Ende sei noch nicht absehbar. Die Leute haben Angst, das Misstrauen unter ihnen wächst. Das Land droht in ihrer Entwicklung um Jahre zurückgeworfen zu werden.

Don Bosco: Liebe Veronika, liebe Julia, wann ist bei euch die Entscheidung gefallen, erst mal nach Deutschland zurückkehren zu müssen?

Julia Krojer: Ich bin bereits seit dem 25. Juni wieder in Europa. Ich war im regulären Heimaturlaub, als die Bitte kam, nicht wieder zurückzukehren. Da waren die ersten Ebola-Fälle im Osten Sierra Leones aufgetreten.

Veronika Reck: Mein Flug ging am 5. August. Ich war allerdings seit dem 21. Juli in Ghana um Visumsangelegenheiten mit der deutschen Botschaft zu klären, das geht in Sierra Leone nicht. Da hatte die Epidemie bereits die Hauptstadt Freetown erreicht.

Don Bosco: Ihr habt Freetown also beide verlassen, in dem Wissen nur kurz weg zu sein. Dann ist alles anders gekommen. Wie schwer wiegt das?

Krojer: Es war eine sehr schwere Entscheidung, mit der ich mich bis jetzt nicht wohl fühle. Als die ersten Fälle im benachbarten Guinea auftraten, sagte ein Kollege zu mir: „Hoffentlich kommt die Epidemie nicht nach Sierra Leone, dann geht ihr Internationale Helfer und Fachkräfte, alle wieder und lasst uns allein, wie im Bürgerkrieg“. Mit diesem Satz im Kopf hat man das Gefühl, die Menschen im Stich gelassen zu haben. Doch dieser Kollege meinte auch: „Wir tragen Verantwortung für euch Fachkräfte. Es ist besser ihr bringt euch in Sicherheit. So kann ich mich um Familie und Angehörige kümmern“. Das baut einen wieder auf, das Richtige getan zu haben.

Don Bosco: Wie habt Ihr den Ausbruch von Ebola im Osten des Landes wahrgenommen?

Reck: Ebola wurde lange nicht ernst genommen, gar verleumdet. Viele Menschen glaubten nicht daran, dass es wirklich real ist. Einige vermuteten eine politische Strategie dahinter, mit der die Regierung Hilfsgelder einstreichen möchte. Andere glaubten, dass es ein Vorwand sei, die ethnische Gruppe im Osten einzuschüchtern, da dort bald Wahlen anstehen. Die Regierung selbst hat den Ausbruch unterschätzt und hat erst sehr spät um internationale Hilfe gebeten.

Krojer: Als die ersten Fälle in Liberia und Guinea auftraten dachte ich: Es kann gar nicht sein, dass Ebola nur in unseren Nachbarländern ist, aber nicht hier. Diese Länder sind so eng miteinander verbunden, der Grenzverkehr ist so groß, Ebola muss bereits im Land sein. Als der erste Fall dann registriert wurde, dachte ich: endlich wird die Regierung die Bedrohung ernst nehmen. Doch leider war Sierra Leone doch nicht so gut vorbereitet, wie gedacht und die Epidemie hat sich viel zu schnell ausgebreitet.

"Mangelnde Information schürt Angst und führt zu Ausgrenzung von Betroffenen"

Reck: "Die Menschen haben Angst vor Ebola. Das schürt Misstrauen:"
Reck: "Die Menschen haben Angst vor Ebola. Das schürt Misstrauen:"

Don Bosco: Und wie ist die Lage heute? Ist das Land dem Kampf gegen die Epidemie gewachsen?

Krojer: Es ist unfassbar schwierig für Sierra Leone. Das Gesundheitssystem ist ohnehin katastrophal. Viele Ärzte haben sich verständlicherweise zurückgezogen, viel Personal ist bereits selbst an Ebola gestorben. Es fehlt an Ausrüstung, sowohl zur Prävention, als auch zur Quarantäne und Behandlung. Man bräuchte 30.000 Schutzanzüge pro Monat und sehr große Mengen an Desinfektionsmittel, aber das ist schon für die Helfer nicht vorhanden und für die Zivilbevölkerung ist es bereits seit Wochen ausverkauft. Es mangelt an fast allem – jede Unterstützung ist wichtig!

Reck: Ein riesiges Problem ist die Stigmatisierung von Betroffenen. Auch für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind, sind davon nicht ausgeschlossen. Lokale NGOs arbeiten sehr aktiv in der Aufklärungsarbeit, damit Stigmatisierung und Ausgrenzung vorgebeugt wird. Mangelnde Informationen über Isolationseinrichtungen und Quarantänestationen haben zu Missverständnis und Angst in der Bevölkerung geführt. Die wenigen, die es gibt, werden bedroht, teilweise gestürmt. Eines wollte ein aufgebrachter Mob sogar niederbrennen.

Don Bosco: Auf der anderen Seite hört man aber, dass die Menschen ihre infizierten Angehörigen nicht zum Arzt gehen lassen und zu Hause verstecken. Wie passt das zusammen?

Krojer: In Sierra Leone begleiten die Menschen ihre Angehörigen bis zum Tod. Sie umarmen den Leichnam, verabschieden sich sehr intensiv von Verstorbenen und setzten sie selbst bei. Die Verabschiedung in dieser Form ist nicht mehr möglich. Es fällt ihnen schwer ihre Rituale aufzugeben, einen an Ebola gestorbenen Menschen dürfen sie nicht mehr berühren oder beisetzen, sondern er wird in geschützten Leichensäcken von ihnen genommen.

Don Bosco: Das erschwert den Kampf gegen die Ebola in hohem Maße. Immer wieder hören wir auch, dass die Menschen an Hexerei glauben. Welche Auswirkungen hat das auf den Kampf gegen Ebola?

Krojer: Traditionelle Glaubensrichtungen sind tief in der Gesellschaft verwurzelt. Auch bei Ebola glauben viele, dass es sich um eine höhere Strafe handelt. Es ist ein unsichtbarer Feind gegen den es kein Heilmittel gibt. Das Vertrauen in traditionelle Medizin ist bei vielen größer, als in die westliche Medizin. Teilweise haben sie schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen gemacht.

Reck: So werden dann geheilte Mitglieder aus der Familie verstoßen. Sie denken, dass sie verhext sind und Unglück über die Familie bringen werden. Ein älteres Beispiel dafür ist auch ein Junge aus Don Bosco Fambul, der zwei offene Beine hatte, die nicht heilten. Lange konnte ihm kein Arzt helfen. Er blieb dann den Tag über immer längere Zeit dem Zentrum fern. Auf Nachfrage sagte er, er fühle sich nicht mehr wohl bei Don Bosco. Die anderen Kinder, aber auch Teile der Mitarbeiter grenzten ihn aus. Sie hatten Angst vor ihm, weil sie glaubten, der Junge sei verhext. Der Glaube ist einfach sehr tief verwurzelt in der Bevölkerung.

Don Bosco: Welche Folgen hat die Epidemie für das Land und die Gesellschaft?

Reck: Mir sagte ein Freund: „Das hier ist schlimmer als der Bürgerkrieg, weil der Feind unsichtbar ist.“ Dieser Vergleich zeigt die Intensität der Situation: Es brechen alte Ängste auf, die noch verstärkt werden. Die Bedrohung ist für jedermann real. Das Land ist so klein: Viele haben einen Ebolapatienten in ihrem Bekanntenkreis. Die vielen Menschen mit Schutzkleidung in den Straßen, die teils fremde Sprachen sprechen. Das alles ist eine Schocksituation. Oft habe ich gehört: „Warum schon wieder wir?“

"Es herrschte Aufbruchstimmung... die wurde jäh ausgebremst"

Krojer: "Investitionen in die Infrastruktur, Bildung und Tourismus kommen nicht zum Tragen".
Krojer: "Investitionen in die Infrastruktur, Bildung und Tourismus kommen nicht zum Tragen".

Don Bosco: Wie war die Stimmung im Land vor der Epidemie?

Krojer: Es herrschte eine regelrechte Aufbruchsstimmung. Endlich Frieden. In dem einen Jahr, in dem ich da bin, hat sich enorm viel verbessert. Es wurde viel in die Infrastruktur, Bildung und auch den Tourismus investiert. Die Wirtschaft wurde angekurbelt und nun jäh ausgebremst. Das öffentliche Leben steht still. Bildungseinrichtungen bleiben geschlossen. Es wird kaum mehr Handel betrieben. Viele Arbeitsplätze z.B. in Hotels, Flughafen, öffentlichem Transport, Sicherheit oder auch in der Regierung fallen weg. Die Preise steigen und vor allem für Tagelöhner wird es immer schwieriger ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Es herrscht totale Unsicherheit, worin das endet und wie lange es brauchen wird, bis sich Sierra Leone davon erholen wird. Das Land wird nicht wieder bei null anfangen müssen, aber die Themen und Konflikte werden ganz andere sein.

Don Bosco: Das klingt sehr pessimistisch.

Reck: Wir sorgen uns um unsere Kollegen, aber auch um das Land. Die Ungewissheit, mit der wir in Deutschland leben müssen - das ist auch für uns nicht einfach. Welches Ausmaß wird das alles noch erreichen? Wie lange dauert es noch an? Wer wird überhaupt zurückkehren können und wann? Wird unsere Arbeit dieselben Schwerpunkte haben? Und wie lange werden die Kommunikationswege noch funktionieren, können wir den Kontakt halten? Wir beide wollen auf alle Fälle zurückkehren.

Don Bosco: Veronika, du hast den Beginn der Maßnahmen bei Don Bosco Fambul im Kampf gegen die Ebola miterlebt. Was habt ihr unternommen?

Reck: Seit dem ersten Fall ist mit den Planungen begonnen worden. Direkt wurden einfache Schutzmaßnahmen in unseren Häusern umgesetzt, wie Desinfektionsmittel an allen Eingängen und allen Büros zur Verfügung gestellt. Wir haben Aufklärungskampagnen gestartet: Wir sind von Tür zu Tür gegangen, haben Plakate gedruckt, Radioprogramme ins Leben gerufen und im Rahmen des Tag des afrikanischen Kindes landesweite Ebola-Sensibilisierungs-Aktivitäten. Kernstück ist aber die Telefonaufklärung, für die wir das bestehende kostenlose Sorgentelefon nutzen.